Fremdkörpererkrankung
Reticuloperitonitis traumatica
 
W. Klee  
 
 
Das Wichtigste in Kürze

Ausschließlich erwachsene Rinder betroffen. Verletzung oder Perforation der Vormägen- (meist Netzmagen-) Wand durch einen mit der Nahrung aufgenommenen Fremdkörper. Metallische FK, häufig Drahtstücke oder Nägel, gelangen aufgrund ihrer Dichte meist in die sich unter der Kardia befindende Haube. Durch die kräftigen Haubenkontraktionen können die FK durch die Wand gedrückt werden. Bei Perforation entsteht eine Peritonitis, die in vielen Fällen lokalisiert bleibt. Komplikationen: Abszessbildung in Haube, Leber, Milz; Vagusläsion, generalisierte Peritonitis, Perikarditis, Endokarditis, Pleuritis, Zwechfellhernie. Symptome der FK-Erkrankung: Inappetenz, Leistungsrückgang, aufgekrümmter Rücken, erhöhte Bauchdeckenspannung, Bewegungsunlust, erhöhte Temperatur. Diagnose klinisch, die Fremdkörperproben sind positiv. Glutartest nach wenigen Tagen positiv. Therapie heute bevorzugt konservativ: Verabreichung eines FK-Magneten, mehrtägige systemische Antibiose. Bei ausbleibender Besserung chirurgische Intervention: (s. Skript Chirurgie) Operationsmethode nach WEINGART oder nach GÖTZE. Prophylaxe: Eingabe eines FK-Magneten.


 

Prüfungsstoff
 
 
Ätiologie und Pathogenese Diagnose
Epidemiologie Differentialdiagnosen
Klinische Erscheinungen Therapie
Prophylaxe

 

Ätiologie und Pathogenese:
Verletzung oder Perforation der Vormägen-(meist Netzmagen-) Wand durch einen mit der Nahrung aufgenommenen Fremdkörper (FK). Die häufigsten FK sind Drahtstücke (zunehmend auch Drahtstücke aus Autoreifen, die zum Abdecken von Silagehäufen verwendet werden) und Nägel (zusammen etwa 94 %). Im Gegensatz zu kleinen Wiederkäuern fressen Rinder wenig selektiv und spucken kaum etwas aus. Metallische FK gelangen aufgrund ihrer Dichte meist in die Haube, die sich unterhalb der Kardia befindet. Die Haube kontrahiert sich sehr kräftig, so dass auf ihrem Boden liegende längliche, spitze FK mit erheblicher Kraft in oder durch die Wand gedrückt werden können. Wird die Wand perforiert, entsteht eine Peritonitis. In vielen Fällen bleibt diese Entzündung lokalisiert, und es entsteht eine Zone der fibrinösen Verklebung, später fibrösen Verwachsung, welche die Haubenmotorik zumindest vorübergehend mehr oder weniger beeinträchtigt. Eine Lösung dieser Verwachsungen ist aufgrund des steten Zuges der Haube möglich. Es kommt eine Reihe von Komplikationen vor:
Abszessbildung in Haube, Leber oder Milz
Vagus-Läsion
Ausgebreitete Peritonitis
Perikarditis (höheres Risiko im letzten Drittel der Trächtigkeit)
Pleuritis
Endokarditis
Zwerchfellhernie

Der perforierende FK kann zurückfallen, sich durch Korrosion auflösen, abgekapselt werden oder weiter wandern, in seltenen Fällen auch durch die Bauchwand nach außen.
 

Epidemiologie:
Unter den Hauswiederkäuern sind fast ausschließlich erwachsene Rinder betroffen. Die Krankheit war früher häufig. Insgesamt ist die Inzidenz im Laufe der letzten 30 Jahre anscheinend deutlich gesunken, seit Heuballen nicht mehr mit Draht gebunden werden.
 

Klinische Erscheinungen:
Kühe treten vom Futterbarren zurück, fressen nicht mehr und kauen nicht mehr wieder. Leichte Tympanie. Deutlicher Rückgang der Milchleistung. Rücken aufgekrümmt, Erhöhung der Bauchdeckenspannung; Bewegungsunlust; Stöhnen; Temperatur meist zwischen 39,5 und 40 ° C. Die Symptomatik ist an den ersten beiden Tagen am ausgeprägtesten und kann danach rasch abklingen.
 

Diagnostik:
Die beschriebenen klinischen Erscheinungen liefern gute Hinweise. Die FK-Proben sind positiv. (Kommentar: Der positive Ausfall besteht in leisem, stimmlosem Anstoßen, das in geräuschvoller Umgebung nicht immer zu hören ist. Starke Lautäußerungen mit offener Maulspalte und vorgestreckter Zunge sind kein Hinweis auf Schmerz, sondern auf Angst. Es lohnt sich, einem Tier einige Minuten zuzuhören. Mitunter wird nach einem Ruktus die Atmung auf der Höhe der Inspiration angehalten. Anschließend erfolgt das schon beschriebene stimmlose Stöhnen, engl.: reticular grunt). Mit Metalldetektoren lassen sich naturgemäß nur ferromagnetische FK nachweisen. Bei längerem Verweilen am Punkt der maximalen Anzeige soll periodisches Ab- und Anschwellen der Anzeige (durch die Haubenkontraktionen) auf nicht perforierende FK hinweisen.
Der Glutartest ist nach wenigen Tagen positiv; negativer Ausfall spricht dann sehr gegen Ret. per. traum.

Ultraschall: Läßt sich eindeutig nachweisen, daß sich die Haube bei der charakteristischen zweiphasigen Kontraktion ganz vom Bauchhöhlenboden abhebt, ist eine akute Ret. per. traum. ebenfalls unwahrscheinlich. Röntgen (sofern vorhanden).

Video, 13 Sek., 5,2 MB   Im Video wird die Ultraschallaufnahme der Haubengegend bei einer Kuh ohne Fremdkörperverdacht gezeigt: es sind keine Verwachsungen (ggf. als echogene Strukturen erkennbar) zu sehen, und die Haube hebt sich deutlich von der Unterlage (Zwerchfell) ab. Im Verlauf eines Pansenkontraktionszyklus ist die Kontraktion der Haube zweiphasig: erst eine kleinere Kontraktion, dann das unvollständige Erschlaffen und dann eine größere Kontraktion. Das nachfolgende Bild zeigt die im Video erkennbaren Strukturen (der Schallkopf ist nach dorsal gerichtet => dorsal ist im Bild unten).

   1 = Zwerchfell,  2 = Haubenwand

Video, 12 Sek., 0,9 MB   Im Video wird die Ultraschallaufnahme der Haubengegend bei einer Kuh mit Reticuloperitonitis gezeigt. Deutlich ist die zweiphasige Kontraktion des Hauben/Schleudermagenüberganges erkennbar, die Haube hebt sich jedoch nicht von der Unterlage ab.
 

Differentialdiagnosen:
Andere Krankheiten, die „Vorderbauchschmerz“ verursachen (s. Glossar).
 

Therapie:
Optimales Vorgehen hängt von den diagnostischen Möglichkeiten (z.B. Röntgen) ab. Früher war die FK-Operation eine der häufigsten chirurgischen Interventionen in der Großtierpraxis. Heute ist sie eher selten. Meist wird die konservative Behandlung durchgeführt. Sie besteht in der Verabreichung eines FK-Magneten (richtigen Sitz mit Kompass überprüfen! Falls dabei der Magnet auch nach zwei Tagen nicht im Bereich der Haube zu lokalisieren ist, sollte ein zweiter eingegeben werden.) und mehrtägiger Antibiose. Zusätzlich kann das Tier einige Tage vorn (um ca. 25 cm) hoch gestellt werden. Der Erfolg beträgt bei dieser konservativen Therapie etwa 85 %. Bei ausbleibender Besserung ist die Operation angezeigt. Der Erfolg der chirurgischen Behandlung ist unter diesen Umständen natürlich geringer als nach sofortiger Operation, da auf schwerwiegende oder komplizierte Fälle selektiert wird.

Operationsmethoden (s. Skript Chirurgie):
WEINGART: Eine hervorgezogene dorsoventral verlaufende Pansenfalte wird zunächst oben und unten in einem Rahmen eingespannt, der im dorsalen Wundwinkel mit Hilfe einer Schraube an der Haut befestigt ist. Nach Eröffnung des Pansens werden die Wundränder mit Häkchen links und rechts ebenfalls an diesem Rahmen befestigt, so daß sich der eröffnete Pansen kelchartig nach außen stülpt. Nach Entfernung des FKs wird der Pansen verschlossen und versenkt.
GÖTZE: Zur Extraperitonealisierung des Operationsfeldes wird der Pansen zirkulär mit Bauchfell und Faszie vernäht. (Diese Naht wird nicht gezogen. Sie stört die Pansenmotorik nicht erheblich.) Nach Eröffnung des Pansens wird eine Ringmanschette eingelegt, deren Ring der Pansenwand unmittelbar innen anliegen muß, damit ausfließender Panseninhalt nicht die Wunde kontaminiert.
 

Prophylaxe:
Durch FK-Magneten kann die Inzidenz von FK-Erkrankungen um über 90 % reduziert werden. Zur Eingabe dieser Magneten gibt es spezielle Instrumente. Die Eingabe darf nicht mit Gewalt und nicht mit einem Schlag erfolgen.
 

PubMed
 
 
 


Letzte Änderung: 03.10.2016


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