2.4. Spezielle Untersuchung: Atmungsapparat






Wichtigste Funktion des Atmungsapparates ist die Oxygenierung des Blutes. Daher gibt die Messung der O2-Sättigung des arteriellen Blutes die beste globale Information über die Funktion des Atmungsapparates, ist aber (bisher) in der ambulanten Großtierpraxis nicht verfügbar (auch unter Klinikbedingungen nicht oft praktiziert).
Weitere Funktionen: Regulation des Säuren-Basenhaushaltes und des Wärmehaushaltes.
 

Adspektion

Nasenausfluss

Gesunde Rinder lecken sich die Nasenöffnungen regelmäßig sauber, bei kranken kann das unterbleiben, was dazu führt, dass Futterteile und Nasenausfluß zusammenkleben.
Die Nasenöffnungen sind bei Luft-"Hunger" (z.B. aufgrund eines Lungenemphysems) weit gestellt.

Stridores
Aus der Ferne wahrnehmbare atmungssynchrone Geräusche. Ursache: Stenosen (Verengungen) der oberen Luftwege durch Schwellungen, Zubildungen oder Sekretansammlungen.

Bei Schniefen und anderen Stridores: Prüfung auf Einseitigkeit durch Zuhalten eines Nasenloches. Verschwindet das Nebengeräusch, entsteht es vermutlich einseitig kranial des Kehlkopfs.

Schnarchen entsteht meist durch Verengung im Pharynxbereich (retropharyngealer Abszess, Schwellung der retropharyngealen Lymphknoten).
Leichte Kompression des Pharynx mit den Fingerspitzen beider Hände von lateral. Verschlimmert sich das Nebengeräusch und/oder wird die Atmung unterbrochen, spricht das für den Pharynxbereich (Rachen) als Ursprung des Nebengeräusches.

Röcheln: lautes tonhaftes Nebengeräusch, bei der Inspiration, entsteht meist im Kehlkopf (Larynx). Auskultation (!). Die Atmung wird dabei meist schon durch leichte Kompression des Larynx unterbrochen. Nähere Untersuchung durch Endoskopie möglich, am einfachsten durch ein Röhrenspekulum. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, weil die betroffenen Tiere einen Erstickungsanfall bekommen können, der u.U. eine Not-Tracheotomie erforderlich macht (s. Skript zur Vorlesung).

Tracheale Brumm- oder Pfeifgeräusche

Husten (feucht, trocken) ist ein reflektorisch gesteuerter Vorgang, der jedoch willkürlich ausgelöst oder auch unterdrückt werden kann. Die Rezeptoren sitzen in der Schleimhaut und kommen vom Larynx bis zu den Bronchioli respiratorii vor. Daneben gibt es auch noch Rezeptoren in der Pleura. Die afferenten Fasern verlaufen in verschiedenen Nerven zum Hustenzentrum in der Medulla oblongata. Die efferenten Fasern verlaufen im N. vagus, N. phrenicus sowie in den Spinalnerven zu den Muskeln am Larynx und Zwerchfell, zu den Interkostalmuskeln und zur Bauchmuskulatur. Bei Virusinfektionen des oberen Atmungsapparates und bis zu sieben Wochen danach tritt Husten gehäuft auf. Der Grund liegt möglicherweise darin, dass durch die verursachten Epithelschäden die Rezeptoren weniger geschützt und dadurch leichter zu irritieren sind. Auslösung von Husten durch Kompression der Trachea ist beim Rind nicht üblich.
Atemfrequenz s. allgemeine Untersuchung

Dyspnoe: (in der Humanmedizin vor allem durch subjektiv empfundenen Lufthunger, in der Veterinärmedzin durch beobachtbare Abweichungen in Rhythmus und Tiefe definierte) Störung der Atmung

Palpation: der Trachea ist meist wenig ergiebig.

Perkussion des Lungenfeldes: (immer mit Leberperkussion verbinden)

Allgemeines: In geräuschvoller Umgebung schwierig. Finger-Finger-Perkussion hat den Vorteil, dass die Unterschiede in den ausgelösten Vibrationen auch gespürt werden können, und die dazu nötigen "Instrumente" meist "zur Hand" sind.

Ziel der Perkussion ist die Feststellung der Ausdehnung des Lungenperkussionsfeldes sowie von Dämpfungsbereichen.

Technik: Die Perkussion erfolgt rechts, weil links der Pansen mitunter einen ähnlichen Perkussionsschall ergibt wie die Lunge, also die kaudale Begrenzung des Lungenperkussionsfeldes nicht einfach festzustellen ist, während das Lungenfeld rechts kaudodorsal normalerweise durch das Leberperkussionsfeld (mit deutlicher Dämpfung des Schalles) eindeutig begrenzt wird. Außerdem kann ein voller Pansen das Lungenfeld links einengen.

Videosequenz, 11 Sek., 1,7 MB   In der Sequenz wird die Technik der Finger-Finger-Perkussion gezeigt. Man beachte, dass die perkutierende Hand locker aus dem Handgelenk schwingt. Der perkutierte Finger wird fest auf die Unterlage aufgelegt.

Videosequenz, 12 Sek., 1,9 MB   In der Sequenz wird die Technik der Perkussion mittels Plessimeter und Perkussionshammer gezeigt. Man beachte, dass die perkutierende Hand locker aus dem Handgelenk schwingt. Das Plessimeter wird fest auf die Unterlage aufgelegt.

Begrenzung des Lungenperkussionsfeldes:
dorsal: lateraler Rand des M. longissimus dorsi
kranial: Skapula, Ankonäenwulst, Ellenbogenhöcker
kaudal: im leichten Bogen vom oberen Ende des vorletzten (11.) Interkostalraum, zu einem Punkt knapp oberhalb des Ellbogenhöckers.
Perkussionsschall dringt nur etwa 7 cm tief ein und "erfasst" Verdichtungen ab etwa Faustgröße.

  • Vergrößerungen des Lungenperkussionsfeldes sprechen sehr für Lungenemphysem (dann meist auch exspiratorische Dyspnoe und Weitgestellung der Nasenöffnungen).
  • Verkleinerungen des Lungenperkussionsfeldes treten auf bei Erhöhung des abdominalen Drucks mit "Zwerchfellhochstand" (Hochträchtigkeit, Tympanie, Pansenüberladung und anderen Erkrankungszuständen mit erheblicher Vermehrung der Füllung des Abdomens).
  • Normaler Perkussionsschall über der Lunge ist voll und laut.

    Es genügt im Allgemeinen, wenn entlang weniger Linien perkutiert wird:

    Auskultation:

    Zur Nomenklatur der (physiologischen) Atemgeräusche und (pathologischen) Atemnebengeräusche.

    Es sollen drei Qualitäten von Atemgeräuschen unterscheidbar sein:

    Diese Unterscheidung ist jedoch am Tier nicht immer eindeutig nachvollziehbar. Wie auf vielen Gebieten der Diagnostik gibt es auch hier keinen Ersatz für ständige Übung der klinischen Untersuchung.
     
     

    Atemnebengeräusche:
     

    Zur Verdeutlichung der Auskultationsbefunde kann eine Atemhemmung durchgeführt werden, bei erwachsenen Tieren durch Überziehen eines Gummibeutels über die Nasenöffnungen, bei jüngeren Tieren durch Zuhalten der Nasenöffnungen. Die Atmung wird gehemmt, bis das Tier Unruheerscheinungen zeigt. Diese Maßnahme ist jedoch kontraindiziert bei bereits bestehender Atemnot!

    Danach werden folgende Kriterien beurteilt:

    Ein unauffälliger Befund wäre dann etwa 0/++-/-/- ,während mit 5/+++/++-/+++ (Röhrenatmen bds. 50 %) ein offensichtlich hochgradig krankhafter Befund dokumentiert wird.

    Weiterführende Untersuchungen:

    Untersuchung von Kotproben auf Lungenwurmlarven (bei negativem Befund, aber begründetem Verdacht, auch mehrmals).

    Sonographie des Pleuraraumes: Vorteil liegt in der Möglichkeit, Abszesse zu erfassen, welche prognostisch bedeutsam sind.

    Video, 19 Sek., 3,0 MB  In der Sequenz ist die Ultraschallaufnahme der Lunge bei einer gesunden Kuh zu sehen. Durch die Luft in der Lunge sind physiologischer Weise fast keine Echos erkennbar. Die parallell zur Körperoberfläche verlaufenden Linien sind sogenannte 'Reverberationsartefakte'.

    Video, 57 Sek., 8 MB   In der Videosequenz wird die Ultraschallaufnahme des Lungenfeldes bei einer Kuh mit jauchiger Pleuritis gezeigt. Im 1. Teil der Sequenz sind 'Kometenschweif'-Artefakte sichtbar. Diese rühren von Fibrinauflagerungen auf der Pleura her, sie bewegen sich atemsynchron. Der Pleuraspalt ist hier nur wenig erweitert. Im 2. und 3. Teil ist ein stark erweiterter Pleuraspalt erkennbar. An der ausgemessenen Stelle beträgt der Abstand zwischen parietalem und viszeralem Blatt 20,1 mm. Im 4. Teil sind im stark erweiterten Pleuraraum eiweißreiche Flüssigkeit (leicht echogen) und Fibringerinnsel (stark echogen), die in der Flüssigkeit flottieren erkennbar.

    Punktion des Pleuraraumes:
    Nur in begründeten Fällen anzuwenden (atemsynchrone Blubber- und/oder Plätschergeräusche), um die Diagnose "Pleuraerguss" abzusichern.
    Video, 27 Sek. 5,2 MB   In der Videosequenz wird die Punktion des Pleuraraumes bei einem Rind mit jauchigem Erguss gezeigt. Aus der Punktionskanüle läuft übelriechendes Sekret ab.
     



    Letzte Änderung: 26.07.2011


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