Klinische Propädeutik am Rind
(Innere Medizin)


Skript zur Vorlesung
und Anleitung zu den praktischen Übungen
Klinik für Wiederkäuer
Lehrstuhl für Innere Medizin und Chirurgie der Wiederkäuer

(A. Friedrich, T. Grude, W. Klee, I. Lorenz, K. Matthies, M. Metzner,
G. Rademacher, H. Wendel)
Ausgabe 2017


Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeine Untersuchung
2. Spezielle Untersuchungen
2.1.   Haare, Haut, Unterhaut, Schleimhäute
2.2.   Lymphapparat
2.3.   Kreislauf
2.4.   Atmungsapparat
2.5.   Verdauungsapparat
2.6.   Harnapparat
2.7.   Bewegungsapparat
2.8.   Zentrales Nervensystem
Vorbemerkung

Dieses Skript ist kein Ersatz für Lehrbücher. Hinweise auf Literatur stehen am Ende dieses Kapitels. Es ist auf die wesentlichen praktischen Aspekte der internistischen klinischen Untersuchung von Rindern beschränkt. Keine Lektüre kann eigenes Erleben und eigene praktische Übung ersetzen! Daher möchten wir Sie auch an dieser Stelle ermutigen, so oft wie möglich in die Kliniken zu gehen.

Die weiteren Lehrangebote der Klinik im Internet sind auf der Startseite aufgelistet.

Zum Thema "Integrierte tierärztliche Bestandsbetreuung" wird ein zweisemestriges interdisziplinäres Kolloquium mit praktischen Übungen angeboten. Unterlagen dazu sind in Form zweier Büchlein vorhanden.

Hinweise auf Fehler oder Unklarheiten in den Skripten sowie Ergänzungsvorschläge sind willkommen.

Zum klinischen Unterricht
 
 
 

Klinik
Problemorientiertes klinisches "Management" 
Nosographie = Beschreibung einzelner Krankheiten 
"klinische Makrobiologie" (FEINSTEIN) = Lebensäußerungen des gesunden und kranken Organismus

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Klinische Propädeutik
Untersuchungstechnik und Normalbefunde

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Anatomie und Physiologie
Bau und Funktion des Organismus 

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Physik, Chemie, Zoologie
Naturwissenschaftliche Grundlagen

Das "Paradigma" der traditionellen (tier-)medizinischen Ausbildung (s. Tabelle) impliziert, dass die vorgelagerten Stufen notwendige und hinreichende Voraussetzungen für die erfolgreiche Betätigung in der Klinik sind. Das darf bezweifelt werden. Es gibt wenige Krankheiten, bei denen die Kenntnisse durch alle Stufen "durchgängig" sind. Keine noch so intensive Beschäftigung mit "vorklinischen " oder "paraklinischen" Fachgebieten führt zu dem Wissen, dass bei Listeriose des Rindes oft eine einseitige Lähmung des N. facialis auftritt, und die Behandlung von Gebärparese mit Kalzium führt auch ohne Kenntnis des genauen biochemischen Wirkungsmechanismus zum Erfolg. Allerdings ist es befriedigender, etwas darüber zu wissen.

Eine Alternative zu dieser Ausbildung besteht im umgekehrten Zugang. Im so genannten problemorientierten Unterricht werden Studierende der (Tier-)Medizin von Anfang an mit konkreten klinischen Fällen konfrontiert und durch die Bearbeitung dieser Fälle zur Beschäftigung mit den Grundlagenfächern motiviert. Gleichzeitig soll dadurch die Fähigkeit, Probleme (im Team) möglichst effizient zu lösen, trainiert werden. Dazu gehört auch die Beschaffung von relevanter Information.

Zur klinischen Untersuchung

Einige allgemeine Anmerkungen erscheinen angebracht:

Diskrepanzen zwischen Theorie (Vorschriften) und Praxis sind Teil der Lebenserfahrung. Im Fall von Schäden mit juristischem Nachspiel wird stets geprüft, ob die erforderliche und nicht lediglich die übliche Sorgfalt beachtet wurde. Was als erforderliche Sorgfalt gilt, steht in Lehrbüchern oder in Gutachten.

Korrektheit einer Diagnose kann nicht eingeklagt werden, wohl aber Korrektheit beim Vorgehen im Rahmen der dem Vorbericht und der Situation angemessenen Untersuchungen. Es lässt sich nicht in allgemeiner Weise formulieren, welche Untersuchungen in jedem speziellen Einzelfall angemessen sind. Ein Beispiel: Wenn ein Jungrind wiederholt wegen Pneumonie vorgestellt wird, wäre es zwar für die Beurteilung und das weitere Vorgehen sowohl bei dem Einzeltier als auch im Bestand von enormer Bedeutung zu wissen, dass das Jungrind persistent mit BVD-Virus infiziert ist; die Einleitung der Untersuchung auf BVDV-PI ist jedoch nicht bei jedem Jungrind mit Pneumonie-Rezidiv als Teil der erforderlichen Sorgfalt, die Unterlassung daher also nicht als Behandlungsfehler anzusehen.

Der Diagnose und damit der ihr vorausgehenden Untersuchung wird in der Medizin zentrale Bedeutung zugemessen. ("Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gestellt". )

Das in der Lehre propagierte Leitbild des praktisch tätigen (Tier-)Arztes ist, dass er nach Einholung des Vorberichtes unvoreingenommen eine gründliche klinische Untersuchung durchführt, gegebenenfalls ergänzt durch Laboruntersuchungen und/oder den Einsatz bildgebender Verfahren, auf der Basis der dabei erhobenen Befunde und seiner Erfahrung zu einer (hoffentlich) richtigen Diagnose kommt und dann zur (hoffentlich erfolgreichen) Therapie schreitet. In der Realität läuft der Prozess aber meist anders ab, weil erfahrene Kliniker aufgrund ihrer Erfahrung* auf der Basis des Vorberichts eine Liste der wahrscheinlichsten Krankheiten aufgestellt haben und dann denjenigen Teilen des Untersuchungsganges besondere Beachtung widmen oder sich sogar zunächst darauf beschränken, die hinsichtlich der Unterscheidung der in Frage stehenden Krankheiten die wichtigsten Informationen liefern. Der Prozess der Mustererkennung spielt dabei auch eine Rolle.

Grundlage der klinischen Makrobiologie, also der Kenntnis der Lebensäußerungen des gesunden und kranken Organismus, ist letztlich die genetische Homologie. Weil verschiedene Individuen derselben Art genetisch weitgehend identisch sind, reagieren sie auf ähnliche Einflüsse auch in ähnlicher Weise. Diese Tatsache ist eine der Voraussetzungen für Erfahrungsbildung.

Ziel der klinischen Untersuchung ist eine Handlungslegitimation über die Zuordnung eines erkrankten Individuums zu einer Krankheitseinheit.

* Klinische Erfahrung bezieht sich u.a. auf das Wissen über die relative Häufigkeit von Krankheiten (Prävalenz), über die relative Häufigkeit von Symptomen bei bestimmten Krankheiten (diagnostische Sensitivität) und auf die Erfolgsaussichten bestimmter Behandlungsverfahren.

Vom Umgang mit Rindern

Ruhig, sanft und selbstsicher, aber nicht leichtsinnig. So sanft wie möglich, so „hart“ wie unvermeidbar. Der Umgang hängt von der Vertrautheit des Rindes mit dem Menschen ab (s. Abschnitt "Verhalten").

Weitere wichtige Gesichtspunkte sind
- Sicherstellen, dass das Tier die sich annähernde Person bemerkt hat,
- Beachtung seiner Reaktion
- Keine hastigen Bewegungen
- Beruhigendes Ansprechen
- Begrüßung

   Begrüßung

 

 „Gefahrenzonen“ beim Rind:

Allgemein gilt: Die Sicherheit von Personen (und Sachen) darf nicht von der Gutmütigkeit von Tieren abhängen. Das mit der Missachtung dieser Regel („erforderliche Sorgfalt“) verbundene Risiko wird jedoch sehr häufig bewusst oder unbewusst in Kauf genommen, da die Befolgung der Regel oft mit erheblichem organisatorischem und zeitlichem Aufwand verbunden wäre.

Hörner: Neben der offensichtlichen Gefahr des Gestoßenwerdens, die von den Hörnern ausgeht, kann man mit den Händen/Fingern zwischen Horn und einem Teil der Anbindervorrichtung eingeklemmt werden.

Vorderbeine: Ängstliche angebundene Rinder versuchen mitunter, der sich nähernden Person so weit wie möglich auszuweichen. Dabei kann das der Person zugewandte Vorderbein auf diese zu rutschen und deren Füße treffen oder wegschieben. Rinder können mit den Vorderbeinen nach hinten schlagen und einem Untersucher auch schmerzhaft auf die Füße treten. (Stiefel mit Stahlkappen!)

Brustwand: Besonders bei erwachsenen Bullen ist es lebensgefährlich, zwischen das Tier und eine Wand oder einen Pfosten zu geraten, denn man kann dabei zerquetscht werden.

Hinterleib: Kühe erlauben sich manchmal den Spaß, den Untersucher zwar zwischen sich treten zu lassen, dann aber den „Ausgang“ zu versperren, indem sie ihre Hinterleiber gegeneinander drücken. Diese Situation ist zwar meist nicht wirklich gefährlich, jedoch für den Untersucher ärgerlich und auch ein wenig peinlich.

Hinterbeine: Rinder können schräg nach vorn, im Halbkreis nach außen und hinten und gerade nach hinten ausschlagen. Sie tun das zwar selten, aber es ist meist nicht voraussehbar, wann sie es tun. Wie mit den Vorderbeinen, können Rinder auch mit den Hinterbeinen einem Untersucher auf die Füße treten.

Schwanz: Wenn der Untersucher zwischen zwei Kühen war und zurück auf die Stallgasse treten will, schlagen Kühe nicht selten mit dem Schwanz, was schmerzhaft „ins Auge gehen kann“. Daher ist es ratsam, in dieser Situation beide Hände neben und leicht vor dem Kopf zu halten.

Was einem hinter einer Kuh mit Durchfall passieren kann, ist leicht vorstellbar.

Laufen in einem Freilaufstall Bullen mit der Herde, sollen sie separiert (oder in einem Fressfanggitter fixiert) werden, bevor der Tierarzt das Abteil betritt. Hier gilt das Prinzip "better safe than sorry". Diese Forderung wird in der Realität sicher oft ignoriert, aber es gibt immer wieder Berichte über schwere oder sogar tödliche Verletzungen. (Mahnung eines alten Landwirts: Es gibt nichts Gefährlicheres als einen "zahmen" Bullen oder ein "ungeladenes" Gewehr.)

Es kann auch gefährlich sein, allein eine belegte Abkalbebox zu betreten. (Rat eines amerikanischen Professors: Never get between a cow and her calf!) Eine weitere Person sollte vorhanden oder zumindest informiert sein.

Es soll hier keine Panikmache betrieben werden, sondern es geht um Vorsichtsmaßnahmen, deren Beachtung oder Missachtung im Falle von Schäden forensische Bedeutung erlangen kann.


Hinweise auf Fachliteratur

Andrews, A.H. Outline of clinical diagnosis in cattle. 1990 Wright

Hofmann, W. Rinderkrankheiten Band 1. Innere und chirurgische Erkrankungen. 1992 Ulmer

Radostits, O.M., D.C. Blood, C.C. Gay Veterinary Medicine. 8. Auflage 1994 Baillière Tindall

Terra, R.L. Ruminant history, physical examination, and records. In Smith, B.P. (Hrsg.): Large animal internal medicine. 2. Auflage, 1996 Mosby

Radostits, O.M., Mayhew, I.G., Houston, D.M. (Hrsg.) Veterinary clinical examination and diagnosis 2000 Saunders

Divers, TJ, und SF Peek The clinical examination. In: Divers, TJ, und SF Peek (Hrsg.) Rebhun's Diseaes of Dairy Cattle. 2. Aufl. 2008, S. 3-15

Baumgartner, W. Klinische Propädeutik der Haus- und Heimtiere 2009 Parey

Dirksen, G., Gründer, H.-D., Stöber, M. (Hrsg.) Die klinische Untersuchung des Rindes Enke 2012 (Nachdruck der 3. Auflage von 1990)  



Letzte Änderung: 04. 08. 2017


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