Tollwut
 
 W. Klee
 
 
Das Wichtigste in Kürze

Stets tödlich verlaufende Virusinfektion des ZNS; nichteitrige Enzephalomyelitis mit unterschiedlicher neurologischer Symptomatik. Übertragung des Virus durch Biss (Füchse, Hunde, Katzen, auch Fledermäuse), lokale Vermehrung an der Eintrittspforte, zentripetale Ausbreitung entlang der Achsenscheiden peripherer Nerven. Später, nach massiver Vermehrung im Gehirn und zentrifugaler Ausbreitung über die Kopfnerven Befall der Speicheldrüsen, Geschmacksknospen und olfaktorischen Zellen. Inkubationszeit 10 Tage bis 6 Monate. Klinische Erscheinungen sehr variabel: u.a. perverser Appetit, erhöhte (sexuelle) Erregbarkeit und Aggressivität ("rasende Wut"), aber auch "stille Wut" bei vorwiegendem Befall des Rückenmarks, Speicheln, Probleme beim Abschlucken. Symptomatik stets progressiv, Tod nach maximal 10 Tagen. CAVE: Keine vorschnelle manuelle Exploration der Maulhöhle bei ZNS-Ausfallserscheinungen!  Differentialdiagnosen: alle anderen Erkrankungen, die mit den auftretenden Symptomen vergesellschaftet sind. Tollwut und der Verdacht sind anzeigepflichtig. Schlachtverbot. Prophylaxe: Impfung von Rindern, die auf waldnahe Weiden aufgetrieben werden. Kleine Wiederkäuer werden meist nicht geimpft.


 

Prüfungsstoff
 
 
Wesen Diagnostik
Ätiologie Differentialdiagnosen
Epidemiologie gesetzliche Vorschriften
Pathogenese Prophylaxe
Klinische Erscheinungen

Wesen:
Akute, stets tödlich verlaufende Virusinfektion des ZNS, nichteitrige Enzephalomyelitis mit unterschiedlicher neurologischer Symptomatik.
 

Ätiologie:
Lyssavirus aus der Familie Rhabdoviridae. Es gibt verschiedene Tollwutviren. Das aus Fledermäusen isolierte Virus (bat lysssa virus) unterscheidet sich von dem aus Füchsen und anderen Raubtieren isolierbare.
Die Ordnung Lyssavirus umfasst mehr als 80 Virusspezies, darunter das "klassische" Rabies-Virus, Mokola-Virus, Duvenhage-Virus, Obodhiang-Virus, Kotonkan-Virus, Rochambeau-Virus, Europäisches Fledermaus Lyssavirus(European Bat Lyssavirus - EBVL) Typ 1 und 2, und Australisches Fledermaus Lyssavirus. (Quelle: ProMED Digest, Vol 45, Issue 48). Innerhalb EBLV 1 gibt es zwei "lineages", 1a und 1b. Line 1a ist in Nordeuropa von den Niederlanden bis nach Russland verbreitet, während 1b in Westeuropa von Spanien bis zu den Niederlanden vorkommt. (Quelle: ProMED Digest, Vol 65, Issue 6)

Epidemiologie:
Das Virus wurd fast ausschließlich durch Biss befallener Tiere übertragen. Unter den Nutztieren ist das Rind am häufigsten betroffen, kleine Wiederkäuer seltener, vermutlich, weil Rinder neugierig, kleine Wiederkäuer eher fluchtbereit sind. Überträger sind bei uns meistens Füchse, mitunter aber auch Katzen oder Hunde. Nach Einführung der oralen Impfung der Füchse mit Lebendvakzine in Ködern gab es einen drastischen Rückgang der Anzahl der Fälle silvatischer Tollwut in West-und Mitteleuropa. Seither werden Fälle von Tollwut vornehmlich bei Fledermäusen nachgewiesen.
So wurden beispielsweise im Zeitraum Juli 2016 bis Mai 2017 in der offiziellen Tierseuchenstatistik in D 22 Fälle von Tollwut erfasst, davon 20 bei Fledermäusen und 2 bei Rindern. (Dtsch. Tierärzteblatt 64 (2016) Okt. - 65 (2017) August).
In Nordamerika spielen Waschbären (Procyon lotor) und Prairiehunde (Gattung Cynomys mit 5 Speties https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4riehunde),in Südamerika blutsaugende Fledermäuse (Vampire), in Asien und Afrika streunende Hunde, in Afrika und Asien auch verschiedene Mangusten-Spezies eine wichtige Rolle als Überträger..
Weltweit sterben jährlich etwa 59.000 Menschen an Tollwut (Quelle: ProMED Digest, Vol 34, Issue 43), der größte Teil davon in Ländern,
in denen post-expositionelle Prophylaxe (Impfung) nicht oder nicht rechtzeitig verfügbar ist. In Deutschland starben zuletzt fünf Menschen an Tollwut, nachdem sie Organe von einer Frau transplantiert bekommen hatten, die in Indien von einem tollwütigen Hund gebissen worden und nach ihrer Rückkehr unerkannt an Tollwut gestorben war.
In manchen Ländern (z.B. Indien) ist es vorgekommen, dass Menschen Milch von an Tollwut erkrankten Kühen getrunken haben, was die Frage nach dem Infektionsrisiko für Menschen aufwirft. Es sind keine Berichte über tatsächliche Infektionen auf diesem Weg bekannt. Pasteurisierung würde das Virus inaktivieren. In Anbetracht der fast 100 %igen Letalität empfiehlt sich jedoch die Durchführung von PEP (ProMED Digest, Vol 55, Issue 67).
Indien und China sind die Länder mit den höchsten Zahlen an Tollwut-bedingten Todesfällen bei Menschen.
(ProMED Digest, Vol 62, Issue 9).
In manchen Gegenden Brasiliens häufen sich nächtliche Angriffe durch Vampir-Fledermäuse (vor allem Desmodus rotundus) auf schlafende Menschen. Die Befallenen spüren die Bisse oft nicht, vermutlich weil im Speichel der Fledermäuse lokalanästhetisch wirksame Substanzen sind (ProMED Digest, Vol 60, Issue 1)
Im August 2017 wurde in der Schweiz eine Person von einer offensichtlich kranken Fledermaus gebissen, die danach mit positivem Ergebnis auf Tollwut untersucht wurde.
(ProMED Digest, Vol 62, Issue 9).


 

Pathogenese:
Nach Übertragung des Virus durch Biss kommt es zunächst zu lokaler Vermehrung, dann zur zentripetalen Ausbreitung durch sukzessiven Befall von Zellen der Achsenscheiden peripherer Nerven. Im Gehirn erfolgt unter Ausbidung einer nichteitrigen Enzephalitits massive Vermehrung des Virus. Danach kommt es durch zentrifugale Ausbreitung über Kopfnerven zum Befall der Speicheldrüsen, Geschmacksknospen und olfaktorischen Zellen. Der Speichel ist schon vor Ausprägung deutlicher Symptome infektiös!
 

Klinische Erscheinungen:
Sehr variabel!!
Inkubationszeit 10 Tage bis 6 Monate. Nach dieser relativ langen Inkubationszeit folgt ein meist akuter Verlauf des klinischen Stadiums: Anorexie, plötzlicher Abfall der Milchleistung, perverser Appetit (Pica, Allotriophagie [= Benagen von Holz oder ähnlichem]) heiseres Brüllen mit sich überschlagender Stimme, erhöhte sexuelle Erregbarkeit, Juckreiz, selten erhöhte Aggressivität ("rasende Wut"). Tenesmus, Einsaugen und Auspressen von Luft, z.T. mit Einknicken in den Fesselgelenken, Speicheln (Speichel klar und fadenziehend), manche Tiere versuchen vergeblich, Wasser zu trinken; mitunter versuchen die Tiere auch zu fressen, können aber nicht abschlucken und haben dann z.B. Heu im Maul, was den Besitzer und/oder den Tierarzt dazu veranlassen kann, vorschnell eine manuelle Exploration der Maulhöhle vorzunehmen.
Stille Wut (bei vorwiegendem Befall des Rückenmarks): Trippeln, Überköten, aufsteigende Lähmung.

Tonsequenz, 41 Sek., 2,6 MB  In der Tonsequenz ist das heisere Brüllen einer tollwütigen Kuh zu hören. An einer Stelle scheint sich die Stimme zu "überschlagen".

   Am Holz der Krippe nagender Bulle.

   Fehlgeleiteter und übersteigerter Sexualtrieb: ein Bulle versucht, bei einem anderen Bullen von vorne aufzuspringen.
 

Diagnostik:
Alle Kühe mit Speicheln, Verhaltensänderung, offensichtlicher Schlucklähmung und/oder andern ZNS-Ausfallserscheinungen sollten mit entsprechender Vorsicht untersucht werden (Anweisungen an Hilfspersonen!).
Intra vitam ist die Diagnose kaum zu sichern. "Typische" Fälle sind jedoch hinreichend sicher zu erkennen. Von praktischer Bedeutung ist, dass die Symptomatik stets progressiv ist. Der Tod tritt meist längstens 10 Tage nach Beginn klinischer Symptome ein.
 

Differentialdiagnosen:

  • Speicheln: Listeriose, "Holzzunge", Schlundverstopfung, Hirnbasisabszess, Vergiftung mit organischen Phosphorsäureestern, M. Aujeszky, Bleivergiftung.
  • Verhaltensänderung: Sporadische Enzephalitiden, Tetanie, nervöse Ketose, Bleivergiftung, BSE, Tobsuchtsanfall nach Transport. Bei kleinen Wiederkäuern u.a. auch Borna und Listeriose.
  • Lähmung: After-Blasen-Schwanzlähmung, raumfordernder Prozess im Bereich des Rückenmarks (Abszess, Tumor, Dassellarven), Botulismus.  
  • § :
    Tollwut und der Verdacht sind anzeigepflichtig. Tollwutkranke oder -verdächtige Nutztiere dürfen nicht geschlachtet werden. Die zuständige Behörde kann die Tötung anordnen (§ 7 Tollwut-V).
     

    Prophylaxe:
    Impfung von Rindern, die auf waldnahe Weiden aufgetrieben werden. Impfung von Schäferhunden.
    Menschen, die mit tollwutkranken Tieren in Kontakt gekommen sind, sollten umgehend geimpft werden (post-expositionelle Prophylaxe, PEP).
    Zur Frage der generellen prophylaktischen Impfung bei Studierenden der Tiermedizin: Zumindest nicht alle Versicherungen übernehmen die Kosten, auch nicht, wenn die Möglichkeit der Exposition bescheinigt wird. Die Kosten einer PEP werden hingegen übernommen.
     

    PubMed
     
     


    Letzte Änderung: 01. 11. 2017


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