Schwanzspitzennekrose / Schwanzspitzenentzündung
 
Autor: M. Metzner
 
 
Das Wichtigste in Kürze

Betroffen sind fast ausschließlich Mastbullen. Bezüglich der Ursache der Erkrankung bestehen verschiedene Hypothesen, verantwortlich gemacht werden unter anderem durch Mykotoxine verursachte Durchblutungsstörungen. Klinische Erscheinungen sind Hyperkeratose und die Bildung rötlicher Krusten an der Schwanzpitze, die Schwanzspitze platzt auf. Die Veränderungen können reversibel sein und auch rezidivierend auftreten. Bei Fortschreiten der Erkrankung resultiert eine aufsteigende Phlegmone, die bei Erreichen des Wirbelkanals zu Lähmung führen kann. Eine Absiedelung von Eitererregern in die Gelenke ist ebenfalls möglich. Sofern nicht die Schlachtung des betroffenen Tieres bevorzugt wird, sollte der Schwanz rechtzeitig im gesunden Bereich abgesetzt werden.


 

Prüfungsstoff
 
 
Bedeutung und Epidemiologie Diagnose
Ätiologie Therapie
Klinische Erscheinungen Prophylaxe

 

Bedeutung und Epidemiologie:
Diese Krankheit wird etwa seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre häufiger beobachtet. Befallen werden so gut wie ausschließlich Mastbullen in Ställen mit Betonspaltenboden.
Über die Ursache oder Ursachen dieser Erkrankung gibt es bisher nur Hypothesen. Auffallend ist zunächst, daß fast ausschließlich Mastbullen in Ställen mit Betonspaltenböden davon betroffen sind. Aber dabei ist zu bedenken, daß bei uns fast alle Mastbullen so gehalten werden.

Allerdings werden in vielen Milcherzeugerbetrieben mit Laufställen auch die Färsen auf diese Weise gehalten, ohne daß es bei ihnen zu dieser Krankheit kommt. Und vereinzelt wurde die Erkrankung auch schon bei Bullen in anderen Haltungssystemen beobachtet, ja sogar nach Weidehaltung, die vor allem in Norddeutschland hier und da praktiziert wird.
 

Ätiologie:
Die Hypothesen zur Ätiologie sind:

  • Trittverletzungen, vor allem bei zu enger Belegung der Boxen: Trittverletzungen kommen zwar sicher vor, aber nicht nur an der Schwanzspitze. Außerdem heilen sie meist recht rasch ab.
  • Verletzungen an den rauhen Kanten der Betonspalten: Davon sollte die von der Schwanzquaste bedeckte Schwanzspitze nicht betroffen sein.
  • Gegenseitiges Benagen oder Besaugen der Schwanzspitze.
  • Rattenbisse: Diese Hypothese wurde von schweizer Autoren in die Diskussion gebracht.
  • Räude: Verletzungen infolge juckreizbedingten Kratzens und Scheuerns.
  • Durchblutungsstörungen, vielleicht verursacht durch Mykotoxine. Bei manchen Bullen mit SSN lassen sich auch m.o.w. ausgeprägte Nekrosen an den Ohrrändern finden. Dies erscheint aus meiner Sicht am plausibelsten.
  • Außer bei schwersten Veränderungen erscheinen das Allgemeinbefinden und die Mastleistung nicht beeinträchtigt. Oder ist es so, daß die Bullen mit der besten Mastleistung (und daher der höchsten Futteraufnahme) am ehesten erkranken?
     

    Klinische Erscheinungen:
    Sie beginnen an der Schwanzspitze. Zunächst kommt es zu Hyperkeratose, dann zur Bildung von rötlichen Krusten. Schließlich platzt die Schwanzspitze auf wie eine Blütenknospe. Nach neueren Untersuchungen einer Berliner Arbeitsgruppe sind die Veränderungen reversibel und können auch rezidivierend auftreten. Schreiten sie fort, kommt es zu aufsteigender Phlegmone, die entweder bis in den Wirbelkanal gelangen und so zur Lähmung führen kann, oder es kommt zur Absiedelung von Eitererregern in Gelenke, was ebenfalls über kurz oder lang zum Festliegen führt.

       Anfangsstadium: an der Schwanzspitze ist eine stecknadelkopfgroße, rot-braune Kruste erkennbar

       Spätstadium: die Schwanzspitze ist auf ca 7 cm Länge nekrotisch. Die Entzündung setzt sich aber nach proximal weiter fort.
     

    Diagnose:
    Wenn man den Mut hat und sich die Mühe macht, die Schwanzspitzen von Mastbullen zu untersuchen, findet man bei einem erheblichen Anteil von ihnen Veränderungen der beschriebenen Art. Bei kümmernden, vor allem aber bei unvermittelt festliegend aufgefundenen Mastbullen sollte immer der Schwanz mit untersucht werden.
     

    Therapie:
    Falls nicht die Schlachtung des noch unbehandelten Tieres vorgezogen wird, sollte der Schwanz im sicher gesunden Bereich abgesetzt werden.
     

    Prophylaxe:
    Als die Kenntnis dieser Krankheit sich unter den Bullenmästern verbreitete, reagierten viele von ihnen dadurch, daß sie vorbeugend bei allen neu eingestallten Kälbern das letzte Schwanzdrittel mit Gummiringen absetzten.
    Diese Praxis ist nach dem Tierschutzgesetz von 1998 verboten, auch wenn hier klar eine Inkonsequenz vorliegt, denn bei Lämmern ist diese Praxis nach wie vor erlaubt. Verboten ist auch die generelle prophylaktische Amputation des bindegewebigen Endstücks der Schwanzspitze. Sie ist im Einzelfall (= Bestand) befristet erlaubt, wenn eine tierärztliche Indikation gegeben ist, und andere Maßnahmen zur Verhütung des Leidens keinen Erfolg gezeigt haben. Das ist schön formuliert, aber in der Praxis kaum zu realisieren. Daher ist es im wesentlichen im Ermessen des Amtstierarztes zu entscheiden, ob er einschreiten will oder nicht.
    Bei der Amputation des rein bindegewebigen Endstückes bleibt dann noch ein Teil der Schwanzquaste erhalten, so daß die Funktion der Fliegenabwehr kaum beeinträchtigt ist.
    Sicher sollten die Tiere nicht sozusagen nach den Bedürfnissen und der Bequemlichkeit der Menschen "zurechtgestutzt" werden. Aber:
    1. Die Qual eines festliegenden Bullen wiegt sicher schwerer als der kurze Schmerz der Schwanzspitzenamputation.
    2. Solange die Ursache nicht genau bekannt ist, ist es unfair, von den Bullenmästern Maßnahmen (Gestaltung des Stalles, Belegdichte) zu verlangen, die ihre Konkurrenzfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
    3. Die von manchen geforderten regelmäßigen Kontrollen der Schwanzspitzen sind bei größeren Bullen in Laufboxen nicht oder nur unter Lebensgefahr durchführbar.
     

    PubMed
     
     

    Letzte ─nderung: 18.05.2005


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