Leberegel-Befall
Fasziolose; liver flukes
 
G. Knubben  
 
 
Das Wichtigste in Kürze

Befall mit Fasciola hepatica, dem großen Leberegel. Weltweite Verbreitung. Zwischenwirt in Europa ist die Zwergschlammschnecke (Galba truncatula). Die häufigste Form beim Rind ist die chronische Fasciolose, welche durch die Anwesenheit einer geringen Anzahl adulter Leberegel in den Gallengängen verursacht wird. Häufigste Folgen sind Reduktion der Milchleistung und Einschränkung der Fruchtbarkeit. Klinische Symptome: Abmagerung, Anämie, chronischer Durchfall und Ödeme infolge von Hypalbuminämie. Diagnose koproskopisch (Sedimentation), ggf. serologisch. Verschiedene Therapeutika wirksam (Zulassung!). Betriebsindividuelle, an die epidemiologische Situation angepasste Bekämpfung wird empfohlen.

Prüfungsstoff
   
Erreger
Epidemiologie und wirtschaftliche Bedeutung
Chronische Fasciolose  
Klinische Erscheinungen  
Diagnose  
Therapie  
Bekämpfung  
 

Erreger:
Fasciola hepatica (LINNE 1758), der große Leberegel. Hinsichtlich der Parasiten-Biologie wird auf die Parasitologie-Vorlesung verwiesen.
Der Befall mit dem kleinen Leberegel (Dicrocoelium dentriticum oder lanceolatum) hat meist keine erkennbaren klinischen oder wirtschaftlichen Folgen.
 

Epidemiologie und wirtschaftliche Bedeutung:
Praktisch weltweite Verbreitung bei Haus- und Wildwiederkäuern. Auch der Mensch ist empfänglich. Nach intensiver und systematischer Bekämpfung ging die Verbreitung dieses Parasiten stark zurück. Seit einigen Jahren nimmt die Befallsextensität wieder zu.

In Deutschland wiesen 2008 knapp 24 % aller untersuchten Milchkuhbetriebe Antikörper gegen F. hepatica in der Tankmilch auf. In Bayern waren in einer Tankmilchuntersuchung von 2015 knapp 36 % aller konventionellen und 47 % aller ökologisch produzierenden Milchkuhbetriebe positiv.

Der Zyklus beinhaltet einen Zwischenwirt, die Zwergschlammschnecke (Galba truncatula), welche in sumpfigen Lebensräumen wie Drainagegräben (Abbildung 1), Ufer langsam fließender Bäche (Abbildung 2), Quellwasser (Abbildung 3), Mooren und gelegentlich Weidetränken zu finden ist. 

   Abbildung 1: Boden eines Drainagegrabens als typisches Habitat von Galba truncatula

   Abbildung 2: Kleiner Bach mit sumpfigem Untergrund als typisches Habitat von Galba truncatula

   Abbildung 3: Quellwasser als typisches Habitat von Galba truncatula (beachte die Binse)

Akute, subakute und chronische Fasciolose werden unterschieden, wobei die Formen zum einen fließend ineinander übergehen können und zum anderen die Unterscheidung beim Rind in der Praxis aktuell von untergeordneter Bedeutung ist.

Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden entstehen durch die Wanderung der juvenilen Parasiten durch die Bauchhöhle und durch das Leberparenchym sowie infolge der Ansiedlung der adulten Stadien in den Gallengängen. Die Leberschädigung führt zu Störungen der Albuminsynthese und des Kohlenhydratstoffwechsels. Die Auswirkungen dieser Schäden auf die Tiergesundheit reicht von plötzlichen Todesfällen über Peritonitis, Ikterus, Anämie, Durchfall, Reduktion der Körpermassezunahme oder Körpermasseverlust zu Abnahme der Milchleistung und Einschränkung der Fruchtbarkeit und sind abhängig von der Spezies (kleine Wiederkäuer sind empfindlicher als Rinder), dem Alter des Wirts (Jungrinder sind empfindlicher als adulte Tiere) und dem Infektionsdruck (am höchsten im Herbst). Die häufigste und aktuell wirtschaftlich bedeutendste Form beim Rind ist die chronische Fasciolose.

Chronische Fasciolose:
wird von der Anwesenheit einer geringen Anzahl adulter Leberegel in den Gallengängen verursacht. Betroffen sind im Wesentlichen ältere Jungrinder und adulte Tiere, die sich regelmäßig reinfizieren.

Klinische Erscheinungen:
Die chronische Form verläuft meist inapparent. Beschrieben sind zwar Körpermasseverlust, Anämie, chronischer Durchfall und Ödeme, welche durch Hypalbuminämie verursacht sind. Wirtschaftlich bedeutsamer sind aber die für den Besitzer infolge der Chronizität kaum sichtbaren Einbußen bei Milch- und Reproduktionsleistung.

Anstieg der GGT-Aktivität im Plasma/Serum. LE-Invasionen können Rinder gegenüber Salmonelleninfektionen empfänglicher machen und das Risiko für Dauerausscheidung erhöhen.

Diagnose:
Die Standardmethode für den Nachweis eines Befalls mit F. hepatica am lebenden Tier stellt nach Ablauf der Präpatenzzeit (Rind 56 – 77 Tage, Schaf 55 – 57 Tage) die Koproskopie dar  (s. Abbildung 4). Die Sensitivität beträgt – je nach Vorgehen – zwischen ca. 70 und 90 %. Weitere Untersuchungsmethoden sind der serologische Nachweis von Antikörpern oder Antigen, der Nachweis von Koproantigen oder die Untersuchung von Galle auf Parasiteneier (Punktion der Gallenblase unter Ultraschallkontrolle). Auf Herdenebene gibt die Beanstandung von Lebern bei Schlachttieren einen Hinweis. Weiterhin kann Tankmilch mittels eines kommerziellen ELISAs auf Antikörper untersucht werden (z. B. Pourquier® ELISA Fascioliasis Serum & Milk oder Euroclone® Bovine Fasciola hepatica ELISA cut off). Die Bestätigung der Verdachtsdiagnose mittels Labordiagnostik ist eine zwingende Voraussetzung für die Behandlung und Bekämpfung des Leberegelbefalls.

   Abbildung 4: Kotprobenuntersuchung, Betrachtung bei geringer Vergrößerung unter dem Mikroskop: Ei von Fasciola hepatica (Achtung: es besteht Gefahr der Verwechslung mit Eiern von Pansenegeln!)

Therapie:
Zur Therapie der Fasciolose steht grundsätzlich eine Reihe von Wirkstoffen zur Verfügung. Da sich bei den Zulassungen regelmäßig Änderungen ergeben, wird für aktuelle Information zu Präparaten an VETIDATA (www.vetidata.de) und an die Fachinformationen der Hersteller verwiesen.

Folgende Wirkstoffe werden in Deutschland im Wesentlichen eingesetzt:

Triclabendazol gehört zur Gruppe der Benzimidazol-Anthelminthika, die oral verabreicht werden können. Der Wirkstoff richtet sich spezifisch gegen den großen Leberegel mit einer hohen Wirksamkeit gegen juvenile und adulte Stadien. Er eignet sich deshalb für Behandlungen während der Weidesaison oder zu Beginn der Aufstallungsperiode. Triclabendazol ist beim Rind in einer Dosis von 12 mg/kg KM wirksam. Die Behandlung besteht aus einer einmaligen oralen Verabreichung.

Eine Resistenz von F. hepatica gegenüber Triclabendazol wurde z. B. in Australien, Irland, Schottland, Spanien und den Niederlanden beschrieben. Die resistenten Parasitenpopulationen fanden sich bei Schafen und Rindern.

Albendazol gehört ebenfalls zur Gruppe der Benzimidazol-Anthelminthika. Der Wirkstoff kann in einer Dosis von 10 mg/kg KM gegen den großen Leberegel und in einer Dosis von 7,5 mg/kg KM gegen Magen-Darm-Strongyliden eingesetzt werden. Albendazol lässt sich zur Bekämpfung der chronischen Fasciolose verwenden. Es besteht jedoch keine Wirkung gegen die juvenilen Stadien, weshalb der Einsatz von Albendazolpräparaten frühestens 8 Wochen nach dem Aufstallen sinnvoll ist.

Closantel ist ein Salizylsäureanilid. Eine Indikation besteht für die Behandlung der chronischen Fasciolose. Adulte Leberegel werden bei einer Dosis von 10 mg/kg KM zum größten Teil eliminiert. Die Applikation erfolgt oral.

In Deutschland sind derzeit keine Tierarzneimittel mit dem Wirkstoff Oxyclozanid auf dem Markt (www.vetidata.de, Zugriff August 2017). Nach § 73 AMG besteht jedoch die Möglichkeit, oxyclozanidhaltige Fertigarzneimittel im begründeten Therapienotstand gegen Fasciolose einzusetzen, die in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und anderen Vertragsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums zu deren Behandlung zugelassen sind.

Die Wirkung von Oxyclozanid beruht auf denselben Mechanismen wie die von Closantel. Oxyclozanid eignet sich in einer Dosierung von 10 mg/kg KM per os zur Behandlung der chronischen Fasciolose beim Rind. Über 10 Wochen alte F. hepatica werden eliminiert.

Einzelne Eier können auch nach erfolgreicher Behandlung in der Gallenblase verbleiben und Monate später ausgeschieden werden.

Bekämpfung:
Da einerseits alle für Milchkühe zugelassenen Medikamente eine Wartezeit für Milch aufweisen und andererseits nicht immer die Milchkühe betroffen sind (z. B. Habitate nur auf den Jungtierweiden), sollte der Medikamenteneinsatz möglichst reduziert und die medikamentöse Bekämpfung durch weitere Maßnahmen ergänzt werden. Besonders empfehlenswert ist eine gezielte, auf die Weidesituation angepasste Bekämpfung (Abbildung 5). Bei korrekter Durchführung hat diese eine signifikante Verringerung der Prävalenz innerhalb einer Herde zur Folge.

  

Abbildung 5: Wegleitung zur Aufarbeitung des Bestandsproblems "bovine Fasciolose" (aus Knubben-Schweizer et al., Tierärztliche Praxis)

Mit konserviertem Futter bestehen folgende Ansteckungsrisiken:
Heu:
Von leberegelverseuchten Weiden und Wiesen gewonnenes Heu kann bei Boden-/Kaltlufttrocknung nach 4- bis 6monatiger Lagerung noch zur Ansteckung mit dem großen Leberegel führen.
Silage:
Bei korrekter Milchsäuregärung gehen die ansteckungsfähigen Larven des großen Leberegels innerhalb von 12 Tagen zugrunde.

PubMed 


Letzte Änderung: 01.09.2017


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