Spastische Parese

Operation der spastischen Parese
W. Klee, M. Feist

Das Wichtigste in Kürze
Bovine spastische Parese (BSP) umfasst mehrere Formen spastischer Zustände, bei denen verschiedene Muskeln der Hintergliedmaße beteiligt sein können. Am häufigsten ist der M. gastrocnemius betroffen (BSP-G). Die Ursache ist nicht eindeutig geklärt. Eine erbliche Komponente scheint sicher. Bisher sind nur für BSP-G verschiedene chirurgische Interventionen möglich. Eine davon, die totale Neurektomie des N. tibialis, wird hier beschrieben.

1. Pathogenese und Indikation

Die Einzelheiten der Erkrankung, insbesondere die klinische Symptomatik, sind im Kapitel Spastische Parese im Skript über Innere Krankheiten beschrieben. Die Indikation zur chirurgischen Intervention wird unterschiedlich gesehen. Von manchen wird die Operation abgelehnt, weil nur ein Symptom beseitigt wird. Unserer Meinung nach erlaubt sie jedoch die weitere (vermutlich schmerzfreie) Nutzung, die sonst nicht möglich wäre. Dass mit einem solchen Rind nicht gezüchtet werden darf, ist selbstverständlich.

Hier soll eines der möglichen Verfahren beschrieben werden, das relativ einfach durchführbar ist, nämlich die totale Neurektomie des N. tibialis.

2. Diagnostik

Die Diagnose lässt sich an der Überstreckung im Sprunggelenk erkennen. Häufig trippeln die Tiere auf den betroffenen Gliedmaßen (s. Skript).
Ein Video von einem Jungrind mit beidseitiger, vorwiegend rechtsseitiger spastischer Parese vor der Operation, befindet sich am Ende des Kapitels.

4. OP-Vorbereitung

Wenn beide Hinterbeine betroffen sind, wird das schlimmer betroffene zuerst operiert.

Systemische Antibiose, Antiphlogese, Nahrungskarenz für 12 Stunden, Rind in Seitenlage auf weichem Untergrund fixieren, Schwanz fixieren.

Liegt der Patient, wird das Operationsfeld (etwa zwischen Trochanter maior caput ossis femoris, Tuber ischiadicum, Tuberositas tibiae und Patella wie üblich chirurgisch vorbereitet (Vorbereitung des Operationsfeldes).

Spastische Parese Spastische Parese

 

Anatomische Situation im Operationsgebiet. Im zweiten Bild wurde der M. glutaeobiceps durchtrennt und die Nerven freipräpariert.
Kaudomedial liegt der N. tibialis, kraniolateral der N. fibularis communis.

 

Präparat: S. Ganz

Zusätzlich zum üblichen Instrumentarium werden eine Batterie (z.B.: 4,5 Volt) und zwei Kabel (jeweils etwa 1 m lang mit Krokodilklemmen an beiden Enden) benötigt, zwei Penrose-Drainagen (fakultativ).

5. Anästhesie

Sedation und hohe epidurale Anästhesie.

6. OP-Durchführung

6.1 Beschreibung der OP-Durchführung

Der Hautschnitt erfolgt parallel zum Verlauf der Fasern des M. glutaeobiceps (Tuber ischiadicum in Richtung auf die Patella) etwa in der Mitte der Entfernung zwischen Trochanter maior und Tuberositas tibiae (oder 1-2 cm weiter distal, je nach Größe des Tieres) in einer Länge von etwa 8-10 cm. Die darunter liegende Faszie wird ebenfalls scharf durchtrennt. Der M. glutaeobiceps wird dagegen stumpf im Faserverlauf geteilt. Darunter befindet sich ein teilweise mit Fett gefüllter Raum, in dem die Aufspaltung des N. ischiadicus in den N. tibialis und den N. fibularis communis zu finden ist.

Blutungen sollten sorgfältig gestillt werden, weil sie die Übersicht erschweren.

Der N. tibialis innerviert (u.a.) den M. gastrocnemius, den wichtigsten Strecker des Sprunggelenks, und die Beuger der Zehen. Ihn gilt es zu identifizieren. Das geschieht am besten durch Elektrostimulation. Die beiden Anschlusszungen einer 4,5 Volt Batterie werden mit Krokodilklemmen an zwei Kabel angeschlossen. Ein Kabelende wird mit einer Tuchklemme verbunden, die in der Haut (im durch die Epiduralanästhesie unempfindlichen Bereich) angebracht ist. Das Ende des anderen Kabels wird an einer sterilen Klemme befestigt.

Der N. tibialis liegt meist kaudomedial dem N. fibularis communis an und kann mit einem Finger leicht angehoben und dadurch isoliert werden. Wird er mit der Klemmenspitze berührt, wird das Sprunggelenk ruckartig gestreckt, und die Zehen werden gebeugt. Letzteres kann durch eine Hilfsperson verifiziert werden, die versucht, die Zehen gestreckt zu halten.

Spastische Parese

 

Die Videosequenz zeigt die Bewegungen der Gliedmaße, wenn entweder der N. tibialis oder N. fibularis communis mit 4,5 Volt stimuliert wird:
Videosequenz, 22 Sek., 10 MB, MP4

Sind die Bewegungen nicht eindeutig, sondern eher ein Zappeln, wurde vermutlich auch der N. fibularis communis gereizt. Dann muss versucht werden, die beiden Nerven etwas weiter distal zu separieren. Führt die Reizung eindeutig zur Beugung des Sprunggelenks und zur Streckung der Zehen, wurde nur der N. fibularis communis stimuliert.

Ist der N. tibialis eindeutig identifiziert, wird ein ca. 1-2 cm langes Stück herausgeschnitten.

Der M. glutaeobiceps wird mit einigen Heften oder fortlaufend mit runder Nadel und [Nahtmaterial] adaptiert, die Faszie fortlaufend mit (z.B.: geflochtener Polyglykolsäurefaden, metric 6) genäht. Die Hautwunde wird in üblicher Weise verschlossen. Übliche Wundabdeckung mit einem Sprühverband.

6.2 Bilder zur OP-Durchführung

Spastische Parese

 

Zur Orientierung wurden an einer rechten Hintergliedmaße
Tuber ischiadicum (oben links),
Trochanter maior (oben rechts),
Tuberositas tibiae (unten links) mit blauen Punkten und
die Patella (unten rechts) ovalförmig markiert.

Der Hautschnitt erfolgt parallel zum Verlauf der Fasern des M. glutaeobiceps (Tuber ischiadicum in Richtung auf die Patella) etwa in der Mitte der Entfernung zwischen Trochanter maior und Tuberositas tibiae (oder 1-2 cm weiter distal, je nach Größe des Tieres) in einer Länge von etwa 8-10 cm.

 

Spastische Parese

 

Die Fascie des M. glutaeobiceps wird scharf durchtrennt.

 

Spastische Parese

 

Der M. glutaeobiceps wird stumpf im Faserverlauf geteilt.

 

Spastische Parese

 

In der Tiefe wird die Aufspaltung des N. ischiadicus in den N. tibialis und den N. fibularis communis sichtbar.

 

Spastische Parese

 

Die Nerven werden vom umgebenden Fettgewebe freipräpariert.

 

Spastische Parese

 

N. tibialis (kaudal) und N. fibularis communis (kranial) wurden jeweils behutsam mit einer Penrose-Drainage unterfangen (die Drains separieren die Nerven praktischerweise ohne sie stark zu traumatisieren und man muss nicht immer wieder für die Elektrostimulation in der Tiefe rumsuchen).

 

Spastische Parese Spastische Parese Spastische Parese

 

Nach der Identifikation des N. tibialis wird ein ca. 1 - 2 cm langes Stück herausgeschnitten.

 

Spastische Parese

 

Adaptation des M. glutaeobiceps mit 3 Diagonalheften nach SULTAN (z.B.: geflochtener Polyglykolsäurefaden, metric 6).

 

Spastische Parese

 

Die Hautwunde wurde mit einer Naht nach REVERDIN verschlossen.

 

Fotos und Videos: M. Feist, M. Metzner

7. Nachsorge

Es sollte an den Hinterbeinen für die ersten Tage eine Vergrittung angelegt werden, und das Tier sollte trittsicher separat aufgestallt sein, damit Komplikationen wie das Ausgrätschen, vermieden werden.

Die Hautfäden werden nach 10 - 12 Tagen gezogen.

8. Komplikationen

Die wichtigste und schwerwiegendste Komplikation ist die (partielle oder totale) Ruptur des M. gastrocnemius. Auf dieses Risiko muss der Besitzer vor der Operation ausdrücklich hingewiesen werden, denn dann ist das Tier meist nicht zu retten, es sei denn, es handelt sich um ein sehr junges und leichtes. Auf der Basis von Literaturangaben dürfte das Risiko unter 10 % liegen.

Die Heilungsaussichten sind in der Regel gut.

Jungrind mit beidseitiger, vorwiegend rechtsseitiger spastischer Parese vor der Operation und das selbe Jungrind 12 Tage post op.  Videosequenz, 27 Sek., 12,5 MB, MP4