Operation einer Darminvagination
M. Metzner

Das Wichtigste in Kürze
Eine Dünndarminvagination wird über eine Laparotomie in der rechten Flanke behoben. Ist der betroffene Darmabschnitt noch nicht nekrotisch, kann zunächst versucht werden den invaginierten Abschnitt vorsichtig retrograd herauszudrücken. Ist das nicht möglich oder gelingt dies nicht, muss der betroffene Darmabschnitt reseziert und eine Anastomose genäht werden. 

1. Pathogenese und Indikation

Die Ursache für Darminvaginationen ist nicht geklärt. Bei jungen Kälbern besteht vorberichtlich häufiger eine Durchfallerkrankung. Beim Rind schiebt sich i.d.R. ein oral gelegener in einen aboral gelegenen, erschlafften Darmabschnitt ein. Am häufigsten wird der Dünndarm von Invaginationen betroffen, und dabei meist in der jejunalen Übergangszone (inselförmige Ausstülpung). Es können aber auch Blinddarm- oder Koloninvaginationen auftreten. Da der invaginierte Darmabschnitt komprimiert und das Gekröse, in dem die den invaginierten Darmabschnitt versorgenden Blutgefäße verlaufen, mit eingezogen wird, kommt es zu einer Verminderung der Durchblutung und der Darmabschnitt stirbt rasch ab. Ohne chirurgische Korrektur ist die Prognose infaust.

2. Diagnostik

Da die Invagination in der Regel zu einem vollständigen Darmverschluss führt, sistiert der Kotabsatz, das Abdomen ist vermehrt voll und die Tiere dehydrieren rasch. Koliken können auftreten, sind aber nicht die Regel (insbesondere bei Kälbern können sie dezent verlaufen oder ganz fehlen). Bei Kühen kann mitunter transrektal, bei Kälbern transabdominal ein wurstartiger Darmabschnitt ertastet werden. Besonders tückisch sind Fälle von Dünndarminvaginationen und Blinddarminvaginationen mit partiellem Darmverschluss, bei denen die Tiere noch wenig Kot absetzen. Ein Hinweis ergibt sich dann daraus, dass koagulierte oder angedaute Blutklumpen abgesetzt werden. Im weiteren Verlauf kommt es zu Autointoxikation und Sepsis.

Bei der Echographie der Bauchhöhle kann der invaginierte Darmabschnitt (Invaginat, Intussuszept, inneres Rohr) und der umschließende Darmabschnitt (Intussuszipiens, äußeres Rohr) im Quer- oder Längsschnitt an der 'Doppelwandigkeit' erkannt werden. Auffällig sind auch stärker dilatierte (oral gelegene) Darmabschnitte und freie Bauchhöhlenflüssigkeit. Eine sichere Diagnose kann jedoch nur im Rahmen einer Laparotomie gestellt werden.

 

In der Videosequenz ist ein Dünndarm mit Invagination im Querschnitt erkennbar. Zwischen äußerem und innerem Rohr ist etwas hypoechogene Flüssigkeit (Transsudat) erkennbar. 

Videosequenz, 11 Sek., 6 MB, MP4

 

Echographie: M. Metzner

4. OP-Vorbereitung

Intensive Rehydratation (Infusion) vor und während des Eingriffs, Antibiose, Antiphlogese/Verabreichung eines Schmerzmittels.

Sorgsame Schur des Operationsfeldes, Fixation des Schwanzes, Waschen mit Seife, Wasser und weicher Bürste (keine Wurzelbürste), Desinfektion, Verwendung einer sterilen Abdeckfolie.

Bei Rindern bis zu 6 Monaten wird eine Laparotomie in der rechten Flanke am liegenden Tier begonnen und durchgeführt.

Bei älteren Tieren sollte der Eingriff am stehenden Tier unter Lokalanästhesie begonnen werden, weil - insbesondere wenn bereits längere Darmabschnitte dilatiert und mit Ingesta gefüllt sind - die Lokalisation und das Vorlagern sowie das Herausmassieren des inneren Rohres so einfacher und schonender ist. Auch Blinddarminvaginationen (soweit die Invagination nicht bis in das Kolon reicht) können am stehenden Tier behoben werden. Wird dann entschieden, dass doch eine Darmteilresektion indiziert ist, kann die Wunde provisorisch verschlossen und das Tier in Brust-Seitenlage oder Seitenlage verbracht und ausgebunden werden. Eine Resektion ist aber auch am noch stehenden Tier möglich.

5. Anästhesie

Manipulationen am Darm und Gekröse sind sehr schmerzhaft. Auch erfordert der Eingriff sehr präzise ausgeführte Nähte. Deshalb sollte eine Darmteilresektion - wo möglich - unter Vollnarkose als TIVA oder Inhalationsanästhesie durchgeführt werden.

6. OP-Durchführung

6.1 Beschreibung der OP-Durchführung

Am stehenden Tier kann der invaginierte Bereich palpatorisch aufgefunden werden. Die Konsistenz ist fleischig und die Form wurstartig. Oral liegen volle Därme, während aboral gelegene Därme i.d.R. leer sind. Die Umschlagstelle vom äußeren in das innere Rohr ist häufig gut ertastbar.

Gelingt es, den invaginierten Darmabschnitt aus dem OP-Feld hervorzulagern, sollte zunächst versucht werden, das innere Rohr durch vorsichtige Massage in Richtung Umschlagstelle aus dem  äußeren Rohr herauszudrücken. Nur wenn dies nicht gelingt oder der Darm bereits abgestorben ist (schwärzlich-bläuliche oder grünliche Verfärbung), sollte eine Darmresektion erwogen werden.

Ist bei einer Invagination des Blinddarms die Darmwand bereits nekrotisch, so wird der betroffene Abschnitt amputiert und das Darmlumen mit zwei einstülpenden Nähten nach CUSHING wieder verschlossen.

6.2 Bilder zur OP-Durchführung

6.2.1 Jejunuminvagination

Dünndarminvagination

 

Der betroffene Dünndarmabschnitt konnte aus der Laparotomiewunde vorgelagert werden. Das Ende des inneren Rohres bildet sich im äußeren Rohr gut ab.

 

Dünndarminvagination

 

Durch vorsichtige Massage vom Ende des inneren Rohres wird zunächst versucht, dieses aus dem äußeren Rohr herauszumassieren.

 

Dünndarminvagination

 

Weil das Herausmassieren scheiterte, wurde der betroffene Darmabschnitt reseziert.

Das Vorgehen zur Resektion und Erstellung einer Anastomose wird im Kapitel Resektion eines Dünndarmabschnitts beschrieben

 

Dünndarminvagination

 

Zustand nach Fertigstellung einer Ende-zu-Ende-Anastomose.

 

Fotos: Klinik für Wiederkäuer

6.2.2 Blinddarminvagination

Die nachfolgenden Bilder zeigen eine Invagination des Blinddarmes in das Colon (invaginatio caecocolica). Die Blinddarmspitze ist bis zur Umschlagstelle zwischen gyri centripetalis und gyri centrifugales invaginiert. Durch vorsichtige Massage gelingt es den invaginierten Blinddarm aus dem Colon herauszumassieren.

Caecuminvagination Caecuminvagination Caecuminvagination Caecuminvagination Caecuminvagination Caecuminvagination

 

Zustand kurz nach Beseitigung der Invagination. Die Darmwand schimmert dunkel, beginnt aber sich zu revitalisieren. Der Eingriff wurde ohne Amputation der Blinddarmspitze beendet (das zwei Wochen alte Kalb konnte vier Tage später geheilt entlassen werden).

 

Fotos: M. Metzner

7. Prognose

Abhängig von Dauer und Lokalisation der Invagination: In frühen Stadien und im Jejunum, gut, späte Stadien mit Invagination des Ileums oder Caecums in das Colon hinein, schlecht.

8. Nachsorge

Zum Testen, ob die Darmpassage gegeben ist, kann Glaubersalz (1 g / kg KLM) in Wasser per Sonde verabreicht werden.

Eine Dauertropfinfusion sollte min. 2 Tage aufrechterhalten werden.

Verabreichung eines Antiinfektivums für mindestens 5 Tage, Fortführung der Antiphlogese.

Bei komplikationsloser Wundheilung können die Fäden 10 Tage nach dem Eingriff entfernt werden.

9. Komplikationen

Undichte Anastomose, zu enge Anastomose, Peritonitis, Wundinfektion, Nahtdehiszenz